Von Youngsters und Wundertüten

16. September 2020 in 2. Liga Nach dem Spitzenduo ist die 2. Liga völlig offen. Wie dramatisch man sich verbessern kann, zeigte Vorwärts Steyr in der letzten Saison.

Die Vorwärts ist das beste Beispiel. Am Ende der Saison 2018/19 standen die Oberösterreicher auf dem 16. Tabellenplatz, vier Punkte hinter dem Vorletzten SV Horn. Nur dank einer Aneinanderreihung glücklicher Zufälle, an deren Ende nur der FC Wacker II absteigen musste, konnten die Steyrer überhaupt die Liga halten. „Wir haben das erste Jahr viel Lehrgeld bezahlt“, sagt Vereinspräsident Reinhard Schlager am Ende der Saison. „Wir müssen schauen, dass wir die bisherigen Probleme abstellen.“ Diese fanden sich vor allem in der Defensive: 68 Gegentore kassierte die Vorwärts, kein anderes Team mehr.

Und wie die Mannschaft ihre Probleme abstellte. Die Steyrer um Abwehrchef Alberto Prada machten aus der schlechtesten Verteidigung der Liga die beste, die 36 Tore, die sie erhielten, waren der niedrigste Wert der Liga. Am Ende lag die Vorwärts auf dem siebten Tabellenplatz, bis fünf Spieltage vor Schluss hielt sie sich gar stabil auf dem vierten Rang. „Das ist das beste Beispiel dafür, was in dieser Liga alles möglich ist“, sagt Johannes Kristoferitsch, der auf Laola1.tv Spiele der 2. Liga kommentiert. „Ich bin mir sicher, dass es auch in dieser Saison arge Umbrüche geben wird.“

Mitfavorit außer Dienst

Deswegen ist es auch schwierig zu sagen, wer sich neben dem designierten Spitzenduo Wacker Innsbruck und Austria Klagenfurt an der Tabellenspitze etablieren wird können.

Wie unberechenbar die 2. Liga sein kann, zeigte letztes Jahr nicht nur die Vorwärts. Die Lustenauer Austria galt im Sommer als großer Mitfavorit auf den Aufstieg. Die Vorarlberger holten den einstigen Torschützenkönig der Liga Patrik Eler und mit Pius Grabher und Christian Schilling zwei Spieler von Konkurrenten Ried. „Immerhin haben sie es sensationell ins Cupfinale geschafft“, sagt Kristoferitsch, „aber sie haben sich die Saison garantiert anders vorgestellt.“ Denn statt um den Aufstieg zu kämpfen, steckte die Austria im Tabellenmittelfeld fest – am Ende der Saison war sie nur Elfter. Doch grundsätzlich steckt Potenzial in der Mannschaft, das hat sie eben auch im Cup gezeigt. Vielleicht können die Vorarlberger unter Neo-Trainer Alexander Kiene, der vom VfB Oldenburg kam, das in der kommenden Saison auch in der Liga zeigen. Ersetzen müssen sie dafür den Torschutzenkönig und besten Spieler der abgelaufenen Spielzeit Ronivaldo, der Lustenau nach drei Jahren und 62 Toren, den Klub im Sommer verließ.

Neue Wundertüte

Eine zweite Wundertüte hat sich im Lauf des Sommers am anderen Ende der Republik entwickelt. In der Steiermark, an der Grenze zum Burgenland, hat der SV Licht-Loidl Lafnitz etwas vor. Im Sommer gaben die Steirer das Ziel aus, sich in Richtung oberes Tabellendrittel umorientieren zu wollen. Sie haben ihren Worte zumindest auf dem Transfermarkt schon einmal Taten folgen lassen. Prominentester Neu­zugang ist ohne Zweifel der ehemalige Teamspieler Patrick Bürger. Der Stürmer, der in Oberwart lebt, hat es zu seinem neuen Arbeitgeber noch kürzer als zu seinem alten. Nach zehn Jahren in Mattersburg verlässt Bürger nun das Burgenland. Dazu kommen mit Christoph Kröpfl, Daniel Gremsl und Philipp Siegl drei weitere Spieler, die bereits in der Tipico Bundesliga kickten. Insgesamt 17 Neuzugänge standen bei den Oststeirern zu Redaktionsschluss zu Buche. „Auf Lafnitz bin ich wirklich gespannt“, sagt Experte Kristoferitsch. „Ein derartiger Umbau ist ein Risiko, aber wenn er funktioniert, können sie oben mitspielen.“

In Schwung gekommen

Oben mitgespielt haben in der letzten Saison gleich zwei Teams, die von jungen Spielern geprägt waren. Da ist zunächst ein Dauergast der 2. Liga, der FC Liefering. Der Herbst war durchwachsen, das Team war zeitweise nur 15. Doch die junge Mannschaft reifte – auch wortwörtlich. 18,4 Jahre war die Lieferinger Startelf am ersten Spieltag alt, im Lauf der Saison wurde sie naturgemäß älter. Die Erfahrung machte sich positiv bemerkbar. Gerade einmal eine Niederlage setzte es im Frühjahr, danach gewann das Team von den verbleibenden acht Spielen sieben. Spieler wie Karim Adeyemi, Nicolas Seiwald und Chukwubuike Adamu schafften den Sprung zu Red Bull Salzburg. „Wahrscheinlich dauert es wieder, bis sich die Mannschaft zusammenfindet“, sagt Kristoferitsch. „Aber sobald das gelingt, wird sie sehr schwer zu schlagen sein.“ Denn es stehen Talente zur Verfügung, die nur darauf warten, aufzuzeigen. Csaba Bukta, der im Frühling fünf Mal traf und fünf Tore auflegte, sollte sich bis zum Saisonauftakt von seiner Schulterverletzung erholt haben, Kapitän und Torwart Daniel Antosch bleibt der Mannschaft ebenso erhalten wie die Verteidiger David Affengruber und Amar Dedic, die es beide ins Team der abgelaufenen Saison schafften.

Offensives Favoriten

„Bisher ging es nur um die sportliche Entwicklung, jetzt muss ich auch auf die Ergebnisse schauen. Der Ligaver­bleib hat Priorität“, sagte Harald Sucher, Coach der Young Violets noch vor der Saison im Interview mit dem 2. Liga-Journal. Es wurde viel mehr als das. Denn das Kooperationsteam der Salzburger war eben nicht das einzige, bei dem sich die Nachwuchskicker in die Auslage spielten. Während sich die Wiener Austria in der Bundesliga schwer tat, spielten sich die Young Violets förmlich in einen Rausch.

Die Formkurve erinnerte an jene der Lieferinger. Nach einem horrenden Saisonstart, bei dem die Mannschaft bis zur neunten Runde auf ihren ersten Sieg warten musste, lag sie am Ende auf Platz vier. Und das, obwohl sie schon während der Hinrunde die Abgänge von Manprit Sakaria und Benedikt Pichler hinnehmen musste, die in die Kampfmannschaft befördert wurden. Doch auch in ihrer Abwesenheit griff das offensive 4-3-3 immer besser, die Flügelspieler Can Keles und Anouar El Moukhantir avancierten zu Leistungsträgern. Letzterer verlängerte erst im Juni seinen Vertrag bis 2023. „Diese Teams steigern den sportlichen Wert der Liga enorm“, sagt Kommentator Kristoferitsch. „In ein paar Jahren werden wir uns wundern, wer einst in der 2. Liga gespielt hat.“

Die Young Violets werden es in der nächsten Saison auch mit einem neuen, alten Rivalen zu tun bekommen. Als einziger Aufsteiger spielt nun auch die zweite Mannschaft des SK Rapid erstmals in der 2. Liga. „Der Aufstieg bietet dem gesamten Verein viele Vorteile“, sagt Sportdirektor Zoran Barisic. „Wir wollen die Chance nutzen.“

Weltfußball in 2. Liga

Das erste Derby zwischen den beiden Amateurteams steigt am letzten Spieltag vor der Winterpause in der Generali-Arena. Der Rahmen für die Spieltermine ist im Vergleich zur Herbstsaison im Vorjahr etwas verändert worden. Die Partien am Freitag werden künftig um 18:30 angepfiffen, das Topspiel folgt dann um 20:25. „Das war in den letzten Runden jetzt auch schon so“, sagt Kristoferitsch von Laola1.tv. „Dass es wieder ein Topspiel geben wird, ist wirklich super.“ Ganz gleich bleibt hingegen die Matinee am Sonntag­vormittag. Sie wird wie gewohnt am Sonntag um 10:30 über die Bühne gehen.

Neben der erweiterten Live-Berichterstattung bleibt der Liga auch ihr Podcast, die „Zwara-Konferenz“, erhalten. Erstmals erschienen im August 2019, wird Kristoferitsch auch zukünftig gemeinsam mit Co-Host Harald Prantl alle zwei Wochen das Geschehen auf und abseits des Rasens der 2. Liga kommentieren. „Wir haben viel vor und ein paar Ideen“, sagt Gastgeber Kristoferitsch schmunzelnd. „Die Wahl zum Weltfußballer fällt heuer ja aus. Wir haben da schon eine Alternative im Kopf.“

Turnaround erwünscht

Vielleicht werden sie sich in den kommenden Folgen aber auch über ein paar Mannschaften unterhalten, denen der Turnaround gelungen ist. Diese Chance möchte die Kapfen­berger SV, Letzter der Vorsaison, mit einer Vielzahl an jungen Spielern ebenso nutzen, wie der GAK, der sich in seiner ersten Spielzeit zurück auf der nationalen Bühne noch im Tabellenkeller wiederfand. Raum für Verbesserung ist vor allem im Sturm. Kein Spieler traf öfter als fünf, kein Stürmer öfter als drei Mal. Richten könnte es Petar Zubak, der in der letzten Saison als Joker seinen Beitrag zum Klagenfurter Erfolg hatte.

Und die Vorwärts? Die Steyrer werden alles daran setzen, den Trend aus der abgelaufenen Saison zu bestätigen. Das Prunkstück der Mannschaft ist jedenfalls intakt. Aus der Viererkette kam den Oberösterreichern lediglich Dragan Marceta abhanden. Abwehrchef und Routinier Alberto Prada verlängerte ebenso wie Rechtsverteidiger Michael Halbartschlager, der sich letztes Jahr ins Team der Saison spielte. Auch der Sechser, Kapitän und Mitglied der rot-weißen Jahrhundertelf, Thomas Himmelfreundpointner spielt weiter in Steyr. „Es würde mich überraschen, wenn die Vorwärts wieder so stark ist wie im Vorjahr“, sagt Kristoferitsch. „Aber in dieser Liga kann eben alles passieren. Das ist ja das Schöne.“

Von Moritz Ablinger

Dieser Artikel ist im offiziellen Journal der 2. Liga erschienen – erhältlich bei allen Klubs der 2. Liga.

Artikel teilen: